Die Energiestrategie 2050: Der Realitätscheck
Scherrer lieferte den anwesenden Gästen einen ungeschminkten Realitätscheck zur aktuellen Lage. Er erläuterte kurz die Ziele der Energiestrategie 2050 sowie die im neuen Energiegesetz verankerten, verbindlichen Vorgaben zur Steigerung der Energieeffizienz, zum Ausbau der erneuerbaren Energien und zum schrittweisen Atomausstieg. Seine Lagebeurteilung zur Energieversorgung mit erneuerbaren Energien fällt ernüchternd aus. Die Schweiz ist in diesem Bereich absolut keine Musterschülerin und hinkt nordischen Ländern wie Schweden und Finnland, aber auch unserem Nachbarn Österreich massiv hinterher. Er verwendete dabei das Bild von zwei Zügen im Bahnhof, dem Wind- und dem Solarexpress, die bereits zehn Jahre Abfahrtsverspätung haben.
Drohendes Defizit im Winter
Egal ob Windkraft, Wasserkraft, Speicherkraftwerke oder alpine Photovoltaik: Der bisherige Zubau vermag die saisonale Lücke kaum zu schliessen. Der durchschnittliche Winterimport von Strom liegt nach wie vor bei 4,38 Terawattstunden, was ungefähr der Produktion eines einzigen Kernkraftwerks über die Wintermonate entspricht. Es liegt auf der Hand, dass sich die Winterstromlücke bei einer Abschaltung weiterer Kernkraftwerke weiter akzentuiert.
Hier stellt sich die Frage, warum wir bei der Umsetzung nicht schneller vorankommen. Es scheint, als hätte die Schweiz den Mut für grosse Projekte ein Stück weit verloren. Scherrer bemängelt die Bürokratie und die Dauer von der Projektentwicklung bis zur Bewilligung, welche 15 bis 25 Jahre in Anspruch nehmen kann. Die Behörden wirken überfordert; es fehlt der Mut, und es wird mehr kontrolliert und verhindert als aktiv unterstützt. Zudem fehlt es an Investitionsmitteln, die Verantwortlichkeiten für den Zubau bleiben ungeklärt, und die neue Produktion ist trotz Förderung oft nicht rentabel. Salopp gesagt: In Bundesbern wird mehr debattiert als betoniert.
Das Kraftwerk Aarau
Ganz in der Nähe von Erlinsbach ist der geplante Neubau des Kraftwerks Aarau ein treffendes Beispiel dafür, wie sich mit baulichen Anpassungen eine erhebliche Produktionssteigerung erzielen liesse. Doch auch in Aarau verzögert sich das Vorhaben um Jahre: Der Entscheid darüber, wie es mit dem «Projekt 2021» samt dem geplanten Rückbau des Mitteldamms weitergeht, liegt beim Aargauer Regierungsrat und ist frühestens Mitte 2027 zu erwarten.
Ein Appell an die Eigenverantwortung
Hans-Kaspar Scherrer schloss sein Referat mit einem deutlichen Appell an die Eigenverantwortung. Bei der Solarstromproduktion lasse sich mit einem Speicher ein Autarkiegrad von bis zu 49 Prozent erzielen. Zudem bestehe über lokale Gemeinschaften wie den Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) die Möglichkeit, den selbst produzierten Solarstrom quartierintern optimal zu nutzen, was die Stromkosten für alle Beteiligten senke.
Gleichzeitig brauche es aber auch Verhaltensänderungen und Technologie-Ersatz: die Abkehr von fossilen Öl- und Gasheizungen hin zu Wärmepumpen oder Fernwärme, einen bewussten Umgang mit Langstreckenflügen sowie den Verzicht auf ineffiziente Mobilitätslösungen. Sein Fazit ist unmissverständlich: Wenn wir weitermachen wie bisher, bleibt die Energiewende stecken. Reden ist Silber, Machen ist Gold, und jede und jeder kann dazu einen Beitrag leisten.
Text: Andreas Bärtsch
Bild: Pascal Faessli